Hintergrund des Projektes „KAMERA“ bildet die Recherche des Künstlers und Kulturwissenschaftlers Alexander Steig zum Thema Zwangarbeit für das ehemals zum Konzern der IG-Farben gehörenden Münchner Agfa-Werk in Giesing bzw. dem Außenlager Agfa-Kommando des KZ-Dachau; hier richtet er den Blick auf die Gruppe der etwa 550 weiblichen Häftlinge [1] (mehrheitlich politische Gefangene aus den Niederlanden [2] und Frauen aus Osteuropa – hauptsächlich Polinnen, die als Vergeltungsmaßnahme des Warschauer Aufstandes verschleppt wurden [3]), die von 1944 bis kurz vor ihrer Befreiung am 30. April 1945 im Wohnhaus Weißenseestr. 7-15 interniert gewesen sind [4].

 

Etwa 500 dieser Frauen arbeiteten im benachbarten Agfa-Camerawerk als Zwangsarbeiterinnen für die Rüstungsindustrie des NS-Staates [5]; neben Zeitzündern und Zielfernrohren wurden Bauteile für die „Vergeltungswaffe“ V1 und V2 hergestellt [6]. Der 100seitige Erinnerungsbericht der niederländischen Widerstandskämpferin Hendrika Jacoba (Kiky) Gerritsen-Heinsius schildert eindringlich und ausführlich die Arbeitsbedingungen im Werk und das Leben im Lager Weißenseestraße [7].

 

Auch wenn Agfa eine Einlage in die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ [8] beisteuerte, scheint es Alexander Steig geboten, durch eine temporäre künstlerische Intervention am ehemaligen Lager auf die tragische Besonderheit des Ortes hinzuweisen. Das heutige Wohnhaus verrät nichts über seine Vergangenheit. Der Bau des Wohnblocks wurde aufgrund von Bombenschäden unterbrochen – im Rohbau diente er der Internierung der Häftlinge [9]. Um 1949 wurde das Gebäude dann fertiggestellt [10]. Kiky Heinsius schildert, dass sie im Block linkerseits (heute Hausnummer 7) interniert gewesen war [11]. Das Lager selbst besaß eine Stacheldrahtumzäunung und vier Wachhäuser [12].

 

Im Bereich der Wohnanlage Weißenseestraße 7 – 15 steht im September/Oktober 2017 ein dunkler rechteckiger Baukörper, der an ein Kameragehäuse erinnern mag. Gleichzeitig ist auch die Assoziation zu einem Wachposten erlaubt, der ungefähr am Außeneck des Gebäudes gestanden haben muss. Agfa hat neben dem Rollfilm auch Fotoapparate und Filmkameras produziert. Der Titel des Projektes „KAMERA“ nimmt darauf Bezug. Gleichzeitig ist der Begriff eine Ableitung von der „camera obscura“, also der „dunklen Kammer“, die als Lochkamera ohne Linse über Lichtbündelung ein Bild projizieren kann sowie des lateinischen Wortursprungs „Gewölbe“.

 

Steig hat begleitend zu seiner Intervention eine Veranstaltungsreihe entwickelt, die die Besonderheit des Ortes und seiner Geschichte beleuchtet; vom 25. bis 27.09.2017 jeweils um 19 Uhr findet im Kulturzentrum Giesinger Bahnhof ein Vortrag, eine Podiumsdiskussion, eine Lesung mit Einführung und am 28.09. um 17:30 Uhr eine Führung statt (siehe Termine). Darüber hinaus informiert vor Ort eine Info-Box der Stadt München über das Projekt. Detaillierte und weiterführende Informationen sind auf dieser Website zu finden.

 

Alexander Steigs künstlerische Arbeit stellt Fragen nach gesellschaftliche Kontrollmechanismen, dem damit einhergehenden Intimitätsverlust und der Rolle der Massen- und Kommunikationsmedien. Einladungen der Gemeinde Bitburg, dort eine Arbeit der zur Deportation jüdischer Bürger dieser Region zu konzipieren (alexandersteig.com/Arbeiten/STEIN.html) oder in der Ermekeilkaserne Bonn (ehemals u. a. der Sitz des Verteidigungsministeriums der BRD) zum Thema Krieg und Vertreibung (alexandersteig.com/TextBuschmann.html) zu arbeiten oder das problematische "Erbe" der Bremer Nervenklinik (alexandersteig.com/TextTischerFriedrichsEngebracht.html) zu "untersuchen" sind nur drei unter vielen Beispielen dieses Ansatzes.

 

Als Maler und Bildhauer ausgebildet, hat sich Alexander Steig Mitte der 1990er Jahre den sog. Neuen Medien zugewendet. Formal gesehen handelt es sich dabei mehrheitlich um Closed-Circuit-Videoinstallationen, deren medienspezifische Signifikanz die Live-Übertragung im Installationszusammenhang darstellt. Seine künstlerische Arbeit stellt Fragen nach gesellschaftlichen Kontrollmechanismen, dem damit einhergehenden Intimitätsverlust und der ambivalenten Rolle der Massen- und Kommunikationsmedien. Seine Projekte werden in hohem Maße unter Berücksichtigung architektonischer, historischer und „sozialer“ Vorgaben der jeweiligen Ausstellungsorte entwickelt. Eine vorausgehende Recherche und interdisziplinäre Zusammenarbeit ist dafür unerlässlich. Da diese Projekte oftmals im öffentlichen und halböffentlichen Raum stattfinden, bindet er seine Arbeiten in die jeweiligen Kontexte oder Problematiken ein. So sind seit 1996 über 190 z. T. raumübergreifende Interventionen für Ausstellungsräume, Kunstvereine, Galerien, Museen und andere Institutionen konzipiert und im öffentlichen und halböffentlichen Raum innerhalb und außerhalb Deutschlands realisiert worden (urbane Areale wie Bahnhöfe, Parks, Straßen und Plätze, Orte wie Kirchen, Synagogen, Konzerthäuser, Friedhöfe, Bunker, Untergrundbahnhöfe, Kreditinstitute, Verwaltungsgebäude verschiedener Institutionen, ehemalige Fabriken, Gutshäuser/Schlösser, Einzelhandelslokale, Bauruinen, Privathäuser, Remisen u. v. m.). Weitere Informationen unter www. alexandersteig.de.



[1] Archiv Gedenkstätte KZ Dachau: http://www.hdbg.de/dachau/pdfs/10/10_ri/10_ri_02.PDF.

[2] Het Agfa Kommando - Nederlandse vrouwen in het Außenlager „Agfa Kamerawerk“ van het KZ Dachau, in München, Jan van Ommen,  Reinbek, 2015.

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Au%C3%9Fenlager_Agfa-Kamerawerke.

[4] KulturGeschichtsPfad 17, München 2010, S. 56.

[5] Ort und Erinnerung – Nationalsozialismus in München, 2005, S. 97.

[6] Ebd. S. 115.

[7] Archiv Gedenkstätte KZ Dachau.

[8] http://www.stiftung-evz.de.

[9] Stadtarchiv München, Neg. Nr. R 2926/I/13a.

[10] Stadtarchiv München, Fotomappe FS-NK-STR-287 M.

[11] Bericht Kiky Gerritsen-Heinsius, S. 48.

[12]Siehe Anm. 5.